Vor 2 Jahren bin ich mit meiner französischen Freundin Anne in Roms Wahlbezirk XIII zu den Kommunalwahlen gegangen, für die wir, da hier wohnhaft gemeldet, ja wahlberechtigt sind. Erst zwei Stündchen Schlange gestanden, dann erfahren müssen, dass wir zwar eigentlich berechtigt sind, aber erst irgendeinen Schein, in dem diese Berechtigung bestätigt wird, bei der Kommune beantragen müssen. Also nicht gewählt.
Diesmal bin ich gar nicht erst hingegangen, denn um diesen Schein bei der Kommune zu beantragen, reichen zwei Stündchen Schlange sicher nicht aus. Meine Freundin Anne ist aber gegangen und hat als französische Staatsbürgerin diesmal nicht nur für die Kommune, sondern sogar für das nationale Parlament wählen dürfen. Man hat sie sogar dazu genötigt und ihr, als sie den Wahlhelfern erklärt hat, dass sie dazu, weil Französin, nicht berechtigt sei, mit beruhigenden Gesten sämtliche Wahlscheine in die Hand gedrückt und sie in die Kabine geschoben. Also hat sie gewählt.
Die Italiener sind bei der Benennung von politischen Parteien, Vereinigungen usw. ziemlich blumig: Da gibt es gab es eine “Margherita”, ein “Ulivo”, eine “Rosa nel pugno” (”Rose in der Faust”) … und die Logos, Plakate, Flyer waren voller bunter Bäumchen und Blümchen.
Irgendwie scheint man sich jetzt umzubesinnen. Meine Sinistra Democratica z. B. hat auf Blumen verzichtet und sich für das Logo eines Lack- und Farben-Herstellers entschieden. Warum auch nicht.
Behinderte heißen hießen im Italienischen “disabili” = (wörtlich) ~ “nicht Befähigte”. Irgendwann wollte man denen was Gutes tun und hat das in “diversamente abili” = “anders Befähigte” verschlimmbessert. Wer also hier von ihnen redet oder schreibt, muss “anders Befähigte” sagen oder schreiben. Das ist aber auch schon alles, was man in dem Zusammenhang getan hat.
In Rom und südlich davon wird man äußerst selten anders Befähigte in Rollstühlen durch die Gegend fahren sehen (wenn, sind das wahrscheinlich Touristen). Abgesehen davon, dass die sich draußen sowieso nicht bewegen, öffentliche Verkehrsmittel nicht benutzen und öffentliche Gebäude nicht aufsuchen könnten, gibt es dafür noch einen zweiten Grund: Die können ihre Wohnungen gar nicht verlassen.
Nicht, dass es hier keine Aufzüge gäbe, nur: Die, die es gibt, sind auch in Gebäuden mit turnhallengroßen Eingangsbereichen und eigenen Pförtnern meist so gebaut, dass sich darin gerade zwei Personen aufrecht und sehr nahe gegenüber stehen können (fahr mal mit einem, der aus dem Mund riecht, in den 7. Stock). Wer auf einen Rollstuhl angewiesen ist, nimmt also in der Regel, wie das Klavier, beim Bezug der Wohnung den Flaschenzug und kommt durchs Fenster rein, um da zu bleiben.
Wahlen heisst für die anders Befähigten in Rom und südlich davon, auch mal an die frische Luft zu kommen, dann organisieren sich nämlich die Ortsvereine, um die Rollstuhlfahrer aus ihren Löchern raus zu holen. Die ziehen dann in Dreiergruppen los und schleppen alle Rollstühle der Stadt schwitzend durch die Treppenhäuser und in die Wahllokale und sagen ihnen, wo das Kreuz hingehört. Ich habe, könnte ich mich heute noch für ohrfeigen, da auch mal mitgemacht. Die haben sich herzlich bei uns bedankt, anstatt uns zu erschießen.
[Fragt mich nicht, warum die keine Briefwahl machen, vielleicht genau deshalb.]
Abends in der Bar der Kameraschwenk der Telegiornali über das italienische Parlament: Ein Altersheim mit Geschlechtertrennung. Hier treffen sich Italiens Senioren, anstatt mit ihren Enkeln am Strand spazieren zu gehen.
Silvio Berlusconi geht hier, nachdem man ihm mehrfach die Gesichtshaut hinter die Ohren gezogen hat, immer noch als einer von der Abteilung Jung und Dynamisch durch, ist aber über 70. Der Präsident der Republik, Giorgio Napolitano (Jahrgang 1925), ist vor kurzem mal in seinem Thronsessel zusammengesackt, hat sich aber unter dem gerührten Beifall der Anwesenden nochmal wieder hoch stemmen können. Ich warte noch auf den Tag, an dem er am Tropf reingekarrt wird. Dann gibt es jede Menge Senatoren auf Lebenszeit, die hängen da also rum, bis zum Ende, z. B. Giulio Andreotti, seit 1946! Frauen?
Aber das ist nicht nur in der Politik so, sondern überall. Das ist Alltag. Wenn ich mit deutschen oder schweizer Auftraggebern telefoniere, habe ich es in der Regel mit einem freundlichen männlichen oder weiblichen Gesprächspartner zwischen 30 und 40 zu tun, der mit mir zusammen bemüht ist, zum besten Ergebnis zu kommen und mir das Gefühl gibt, dass er meine Arbeit zu schätzen weiß. Handelt es sich beim Auftraggeber um ein italienisches Unternehmen, hängt am anderen Ende der Leitung mit einiger Sicherheit ein greiser, cholerischer Dreckssack, der überzeugt ist, dass die Erde und alle Planeten ihn umkreisen müssen und er mir einen großen Gefallen tut, wenn er mir die Ehre erweist, für ihn arbeiten zu dürfen. Das erste Anschreiben lautet meist: “Hoch verehrter Herr Dr., … bedanke mich für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit und sende Ihnen die untertänigsten Grüße”. Im zweiten Schreiben werden sie gleich frech wie Dreck.
Italien wird von solchen Leuten regiert beherrscht und es scheint, dass nichts in der Welt das ändern kann.
Italien steht wieder mal vor Neuwahlen, diesmal sollen sich die paar Italiener, die am 13. und 14. April nichts besseres zu tun haben, zwischen den beiden Rechtsparteien der Populisten Walter Veltroni und Silvio Berlusconi entscheiden.
Walter Veltroni’s “Demokratische Partei” macht jetzt Wahlkampf mit Google AdWords, schaltet mit dem Keyword Scuola Elementare” (Grundschule) Werbekampagnen.
Yes we can! “Si può fare” lautet der entliehende Slogan der Demokratischen Partei, den man aus dem Italienischen auch mit “kann man machen” übersetzen kann. Ja, kann man machen, macht man aber nicht.
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