Die Ratschläge von Francesco Maurizio Cossiga, ehemaliger italienischer Ministerpräsident und Präsident der Republik, der vor ein paar Tagen dieses Interview gegeben hat, hat man umgehend befolgt:

Foto: Flavia Fasano - www.flaviafasano.com
Gestern mischte sich unter die auf der Piazza Navona vor dem Senatsgebäude gegen die Verabschiedung einer absurden Schulreform demonstrierenden Jugendlichen eine mit Helmen und Knüppeln ausgerüstete Horde von Nazischlägern, die gnadenlos auf teilweise 14-15-Jährige einprügelten. Hatte was von einer Auftragsarbeit. Die Polizei griff eine Stunde lang nicht ein, entschied sich erst, als die telefonisch zu Hilfe gerufenen Antifaschisten aus den Centri Sociali auftauchten, ein bisschen mitzuknüppeln.
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Francesco Maurizio Cossiga, 1979–1980 Ministerpräsident von Italien, wurde 1983 zum Präsidenten des Senats gewählt, 1985 zum Präsidenten der Republik. Seine Amtszeit als Präsident der Italienischen Republik dauerte sieben Jahre. Hier die auszugsweise, wörtliche Übersetzung eines Interviews, das Cossiga am 23.10.08 dem Quotidiano Nazionale gegeben hat.
Presidente Cossiga, sind Sie der Ansicht, dass Berlusconi mit seiner Drohung, die Polizei gegen die Studenten einzusetzen, übertrieben hat?
«Kommt drauf an. Wäre er der Präsident eines starken Staates, würde ich sagen, er habe genau das Richtige gemacht, aber Italien ist ein schwacher Staat […] und ich fürchte den Worten werden keine Taten folgen […]».
Welche Taten sollten denn Ihrer Ansicht nach folgen?
«[…] Sie [die Demonstranten] erstmal machen lassen. Die Polizei von den Straßen und Universitäten abziehen, Agenti Provocatori einschleusen, die zu allem bereit sind und es dann für zehn Tage zulassen, dass die Demonstranten Geschäfte überfallen, Autos in Brand setzen und die Stadt verwüsten.»
Und danach?
«Danach, mit der Zustimmung der Bevölkerung im Rücken, müssen die Sirenen der Krankenwagen präsenter sein, als die der Polizei und der Carabinieri».
Will heißen?
«Will heißen, dass die Polizei die Demonstranten ohne Gnade massakrieren und allesamt ins Krankenhaus schicken muss. Nicht verhaften, die Richter würden sie sowieso wieder frei lassen, sondern bis aufs Blut prügeln und auch die beteiligten Lehrkräfte prügeln bis aufs Blut».
Auch die Lehrkräfte?
«Vor allem die Lehrkräfte. Nicht die alten natürlich, aber die jungen Lehrerinnen[!]. Sind Sie sich der Tragweite der Ereignisse bewusst? Es gibt Lehrerinnen, die ihre Kinder benutzen, sie mit auf die Straße nehmen: Das ist kriminell!».
Und sind Sie sich darüber im Klaren, was man in Europa zu einer derartigen Maßnahme sagen würde? Man würde sagen: «In Italien kehrt der Faschismus zurück».
«Unsinn! Das ist ein Rezept der Demokratie: Die Flammen löschen, bevor sie zum Brand werden».
Was für ein Brand?
«Ich übertreibe nicht. Ich bin überzeugt davon, dass der Terrorismus zurückkehrt und mit ihm das Blut in die Straßen dieses Landes. Es soll auch nicht vergessen werden, dass die Roten Brigaden nicht in den Fabriken, sondern in den Universitäten entstanden sind und dass die Slogans, die sie benutzten, aus der Studentenbewegung und von den linken Gewerkschaften kamen».
Ist es also möglich, dass die Geschichte sich wiederholt?
«Das ist nicht nur möglich, das ist wahrscheinlich. Und aus genau dem Grund sage ich: Die Roten Briganden sind entstanden, weil das Feuer eben nicht rechtzeitig gelöscht wurde».
In allen demokratischen Ländern, in denen das friedliche Demonstrieren Teil des politischen Lebens ist, sieht man, wenn es um die Familie betreffende Themen geht, traditionell auch Kinder durch die Straßen spazieren. Natürlichste Sache der Welt normalerweise. Nicht im Italien dieser Jahre Monate. Die italienische Rechte haut gerade wieder mal eine sofort in allen Medien beifällig breitgetretene Polemik raus, die an Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist und im Vorwurf an die Eltern gipfelt, ihre “Kinder zu missbrauchen, um gegen die Regierung zu hetzen”.
Anlass war eine Demonstration in Rom gegen eine Schulreform, bei der von einer Reform überhaupt keine Rede sein kann, da es lediglich um die radikale Kürzung der für europäische Verhältnisse sowieso schon extrem geringen Mittel geht. Ist übrigens schon so gut wie durch, die Reform, wie immer im Schnellgang per Vertrauensfrage (Silvio Berlusconi stellt eine Vertrauensfrage nach der anderen, um Abänderungsanträge der Opposition zu umgehen - siehe Handelsblatt vom 21.07.2008 - diese ist die vierte innerhalb von fünf Monaten - und Giorgio Napolitano hat seinen Füllfederhalter schon wieder gezückt).
An der Demonstration teilgenommen haben 300.000 Menschen (auf die Zahl hat man sich schließlich geeinigt). Auch mein Sohn ist auf der Titelseite der Repubblica gelandet:

Und natürlich werden wir unsere Kinder zu Euren Feinden erziehen.
Italien ist ein faschistisches Land mit faschistischen Menschen, die jeden Tag Menschen aus anderen Ländern, sogar 13-jährige Kinder, halb- und manchmal auch ganz tot schlagen. An faschistischen Büro-, Behörden- und Bankgebäuden hängen faschistische Plakate, faschistische Mauersprüche in den Schulhöfen der faschistischen Schulen, in die faschistische Eltern ihre mit 6 Jahren schon faschistischen Kinder schicken. In den Straßen patroullieren brandgefährliche, dicke, kleine, faschistische Hunde. In den Zeitungen stehen faschistische Lügen, das Fernsehen strahlt faschistische Propagandasendungen aus und im Radio laufen faschistische Schlager. Faschistische Fussballspieler von faschistischen Vereinen treten anderen Spielern in die Knochen und in den faschistischen Bars klopfen faschistische Trinker faschistische Sprüche und - keine Frage: Früher oder später wirst Du ihnen im Dunkeln begegnen, oder sie warten vor Deiner Tür.
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Dreizehn Jahre hat die Privatisierung der italienischen Fluggesellschaft Alitalia in Anspruch genommen. Eine allerdings gefakte Privatisierung. Sehr phantasievoll. Sehr italienisch. Der am höchsten verschuldete Staat Europas übernimmt alle Verluste der alten Gesellschaft und trägt die Kosten für die 3.250 Entlassungen. Das in der Cai (Compagnia aerea italiana) vereinte Unternehmer-Konsortium übernimmt zum skontierten Preis den besseren Teil: Flugzeuge, Fluglizenz und 12.500 Angestellte. Die Idee ist natürlich von Silvio Berlusconi. Als die Alitalia im Frühjahr täglich eine Million Euro Verluste einflog und Konkurs anmeldete, vereitelte Berlusconi den von der Prodi-Regierung beschlossenen Verkauf der Gesellschaft an die Air France. Alitalia dürfe, so Berlusconi, nicht in fremde Hände. So brachte der Premier fünfzehn Unternehmer aus unterschiedlichen Branchen zusammen und appellierte an ihren Patriotismus. “Wäre ich nicht Ministerpräsident, würde ich selbst Alitalia kaufen.”
Im entscheidenden Moment der Operette zog sich Berlusconi dann in ein luxuriöses Wellness-Center in Umbrien zurück, um die weiteren Ereignisse von dort aus zu verfolgen. Die abschließenden Verhandlungen führte Gianni Letta, seine geheimnisvolle rechte Hand - möglicherweise der einzige italienische Politiker, der im Fernsehen nie zu sehen ist. Die ganze Aktion wurde scharf kritisiert. Nicht wenige sahen darin einen Dienst, den Berlusconi “einigen Freunden” erweisen wollte. Die Cai wurde 1999 als Compagnia di abbigliamento italiano gegründet. 2004 wurden die abbigliamenti zu aerei. Die Textil- und Bekleidungsgesellschaft zur Fluggesellschaft.
Fehlt noch die Zustimmung der EU und die Einigung des Unternehmer-Konsortiums mit einem ausländischen Partner […]. Lufthansa und Air France haben Interesse bekundet. Rom will Frankreich, Mailand will Deutschland. Versäumen Sie keinesfalls den nächsten Akt.
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