Heute ist auf repubblica.it ein Interview mit Silvio Berlusconi erschienen. Ich übersetze mal ein paar Zeilen:
“Polemiken zu meinem Scherz [an die Adresse Barack Obamas] gab es . Nur die italienische Linke konnte auf die Idee kommen, das als rassistisch auszulegen. In Amerika hat überhaupt niemand da drauf reagiert, er selbst [Obama] hat darüber gelacht. Ich habe lediglich gesagt, er sei intelligent, gutaussehend und gebräunt. [er hat gesagt “jung, gut aussehend und sogar gebräunt”]. Was ich nicht mehr ertrage, ist der andauernde Hohn und Spott in Fernsehen und Zeitungen. Im Fernsehen werde ich jeden Tag auf allen Kanälen und zur besten Sendezeit für blöd verkauft. Diese Gewohnheit wird langsam unerträglich. Das muss aufhören. […] Basta! Auch das trägt die Handschrift der Opposition. […] Sie beleidigen und beschimpfen mich, die Interessen des Landes sind ihnen dabei völlig gleichgültig.”
Über die Ereignisse auf der Piazza Navona am 29.10. habe ich kurz berichtet: Tausende von Studenten und Schülern (viele 14 und 15-jährige) demonstrierten am Tag der Verabschiedung der Gesetze zur Einführung einer Schulreform, die keine Reform ist, sondern die Abschaffung der öffentlichen Schulen zugunsten privater, friedlich vor dem Senatsgebäude, als plötzlich ein mit Knüppeln beladener Pritschenwagen mitten in die Menge fuhr und eine ziemlich große Gruppe von ziemlichen großen Jungs sich mit diesen Knüppeln bewaffnete und auf alles einprügelte, was ihnen in die Nähe kam.
Wer die von engen Gassen umgebene Piazza Navona kennt, weiß dass es schon an ganz normalen Tagen unmöglich ist, einfach so mit dem Auto da drauf zu fahren. Dafür, dass es an diesem Tag, an dem die kleinen Gassen voller Menschen waren, ein Kleinlastwagen geschafft hat, gibt es nur eine Erklärung: Der Wagen wurde von Ordnungskräften (wie man hier so schön sagt) mitten auf die Piazza geleitet (es hätte nicht gereicht, ihn einfach nur passieren zu lassen). Der Angriff war von höherer Stelle gewollt und geplant. Die Polizei griff eine Stunde lang nicht ein, bis offenbar per Handy herbeigerufene Autonome aus den Centri Sociali eintrafen und das Ganze zur medienwirksamen Schlacht wurde.
In den Zeitungen am nächsten Tag Fotos von durch die Gegend fliegenden Tischen der Restaurants auf der Piazza und mit Steinen und Stöcken bewaffneten Straßenkämpfern. Die Schlagzeilen unisono: “Rechte und linke Studentengruppen liefern sich Straßenschlacht”. Das war natürlich von der Wahrheit ziemlich weit entfernt.
Sah anfangs so aus, als ob das so konstruierte und konfektionierte Ding glatt durchgegangen wäre; noch ein paar Interviews in den Nachrichtensendungen, in denen die “gewalttätige Demonstration”, als eine von der Linken organisierte Aktion dargestellt wurde, und die Sache war im Kasten.
Nicht ganz - die Veranstalter hatten die Rechnung ohne YouTube gemacht, das am nächsten Tag voll von von den Schülern und Studenten mit dem Handy aufgenommenen Videos war: YouTube-Suchabfrage: “29 ottobre piazza navona”.
“Chi l’ha visto?” (RAI3, staatlicher Fernsehsender), eine von diesen Sendungen, in denen normalerweise nach Vermissten gesucht wird, hat ein paar Tage später einige dieser Videos ausgestrahlt. Der tatsächliche Ablauf der Ereignisse war auf einmal nicht mehr zu widerlegen. Darüber hinaus tauchten in den Videos einige ältere Herren mit Walkie-Talkies auf, Gesichter waren zu erkennen… “Chi l’ha visto?” bittet die Zuschauer, sich in dem Fall, dass Personen erkannt wurden, zu melden.
Noch in der gleichen Nacht wurde der Sitz von RAI3 von den inzwischen jede Nacht um die Häuser ziehenden Squadristi (faschistische Schlägertrupps) auseinander genommen. Die Redakteure der Sendung wurden in den darauf folgenden Tagen telefonisch massiv bedroht: “wir haben Euch und eure Familienmitglieder identifiziert!”
In einem offenen Brief an den Polizeichef vom 8. November gibt der ehemalige italienische Innenminister, Ministerpräsident und Präsident der italienischen Republik weitere Tipps zum Umgang mit den gegen die Reformen im Bildungswesen andauernden friedlichen Demonstrationen von Schülern und Studenten.
Hier die auszugsweise, wörtliche Übersetzung des Briefs:
“Man sollte zuerst eine Situation entstehen lassen, in der die Studenten Schäden verursachen und erst dann dagegen halten, hart. […] Ein paar auf Polizeikräfte geworfene Flaschen, besetzte Bahnhöfe, oder in Brand gesetzte Autos sind ja leicht zu verschmerzen. Mein Rat ist, die Polizei beim kleinsten Anzeichen von Gewalt dieser Art zurückzuziehen, sodass auch Händler, Passanten, im besten Fall Frauen, alte Leute oder Kinder zu Schaden kommen […] und dadurch die Angst vor den Demonstranten wächst, und mit der Angst der Hass auf sie und auf ihre Auftraggeber, auf jene in irgendwelchen Lofts oder Redaktionen, wie zum Beispiel L’Unità , die sie unterstützen. […] Eine wirksame Politik der öffentlichen Ordnung muss die breite Zustimmung der Öffentlichkeit hinter sich haben und diese Zustimmung entsteht aus der Angst - nicht der Angst vor den Ordnungskräften, sondern der Angst vor den Demonstranten. […] In einer sich zuspitzenden Situation (Anm. d. Übers.: Er meint, das kann man nicht anders interpretieren, “nach Herbeiführung einer sich zuspitzenden Situation”), möglicherweise durch den Tod des ein oder anderen Agenten, würde ich die Ordnungskräfte massiv und äußerst hart eingreifen lassen”.
Der Schluss des Briefs ist dann so absurd, das kann man kaum so übersetzen, dass man der Übersetzung glauben würde. Es geht darum, der Öffentlichkeit auch das richtige Bild von den Ereignissen zu verkaufen. Wird hundert pro klappen. Das ist hier nicht schwer. Wer italienisch kann, liest den Scheißdreck am besten selbst auf adnkronos.com.
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