Über die Ereignisse auf der Piazza Navona am 29.10. habe ich kurz berichtet: Tausende von Studenten und Schülern (viele 14 und 15-jährige) demonstrierten am Tag der Verabschiedung der Gesetze zur Einführung einer Schulreform, die keine Reform ist, sondern die Abschaffung der öffentlichen Schulen zugunsten privater, friedlich vor dem Senatsgebäude, als plötzlich ein mit Knüppeln beladener Pritschenwagen mitten in die Menge fuhr und eine ziemlich große Gruppe von ziemlichen großen Jungs sich mit diesen Knüppeln bewaffnete und auf alles einprügelte, was ihnen in die Nähe kam.
Wer die von engen Gassen umgebene Piazza Navona kennt, weiß dass es schon an ganz normalen Tagen unmöglich ist, einfach so mit dem Auto da drauf zu fahren. Dafür, dass es an diesem Tag, an dem die kleinen Gassen voller Menschen waren, ein Kleinlastwagen geschafft hat, gibt es nur eine Erklärung: Der Wagen wurde von Ordnungskräften (wie man hier so schön sagt) mitten auf die Piazza geleitet (es hätte nicht gereicht, ihn einfach nur passieren zu lassen). Der Angriff war von höherer Stelle gewollt und geplant. Die Polizei griff eine Stunde lang nicht ein, bis offenbar per Handy herbeigerufene Autonome aus den Centri Sociali eintrafen und das Ganze zur medienwirksamen Schlacht wurde.
In den Zeitungen am nächsten Tag Fotos von durch die Gegend fliegenden Tischen der Restaurants auf der Piazza und mit Steinen und Stöcken bewaffneten Straßenkämpfern. Die Schlagzeilen unisono: “Rechte und linke Studentengruppen liefern sich Straßenschlacht”. Das war natürlich von der Wahrheit ziemlich weit entfernt.
Sah anfangs so aus, als ob das so konstruierte und konfektionierte Ding glatt durchgegangen wäre; noch ein paar Interviews in den Nachrichtensendungen, in denen die “gewalttätige Demonstration”, als eine von der Linken organisierte Aktion dargestellt wurde, und die Sache war im Kasten.
Nicht ganz - die Veranstalter hatten die Rechnung ohne YouTube gemacht, das am nächsten Tag voll von von den Schülern und Studenten mit dem Handy aufgenommenen Videos war: YouTube-Suchabfrage: “29 ottobre piazza navona”.
“Chi l’ha visto?” (RAI3, staatlicher Fernsehsender), eine von diesen Sendungen, in denen normalerweise nach Vermissten gesucht wird, hat ein paar Tage später einige dieser Videos ausgestrahlt. Der tatsächliche Ablauf der Ereignisse war auf einmal nicht mehr zu widerlegen. Darüber hinaus tauchten in den Videos einige ältere Herren mit Walkie-Talkies auf, Gesichter waren zu erkennen… “Chi l’ha visto?” bittet die Zuschauer, sich in dem Fall, dass Personen erkannt wurden, zu melden.
Noch in der gleichen Nacht wurde der Sitz von RAI3 von den inzwischen jede Nacht um die Häuser ziehenden Squadristi (faschistische Schlägertrupps) auseinander genommen. Die Redakteure der Sendung wurden in den darauf folgenden Tagen telefonisch massiv bedroht: “wir haben Euch und eure Familienmitglieder identifiziert!”
In einem offenen Brief an den Polizeichef vom 8. November gibt der ehemalige italienische Innenminister, Ministerpräsident und Präsident der italienischen Republik weitere Tipps zum Umgang mit den gegen die Reformen im Bildungswesen andauernden friedlichen Demonstrationen von Schülern und Studenten.
Hier die auszugsweise, wörtliche Übersetzung des Briefs:
“Man sollte zuerst eine Situation entstehen lassen, in der die Studenten Schäden verursachen und erst dann dagegen halten, hart. […] Ein paar auf Polizeikräfte geworfene Flaschen, besetzte Bahnhöfe, oder in Brand gesetzte Autos sind ja leicht zu verschmerzen. Mein Rat ist, die Polizei beim kleinsten Anzeichen von Gewalt dieser Art zurückzuziehen, sodass auch Händler, Passanten, im besten Fall Frauen, alte Leute oder Kinder zu Schaden kommen […] und dadurch die Angst vor den Demonstranten wächst, und mit der Angst der Hass auf sie und auf ihre Auftraggeber, auf jene in irgendwelchen Lofts oder Redaktionen, wie zum Beispiel L’Unità , die sie unterstützen. […] Eine wirksame Politik der öffentlichen Ordnung muss die breite Zustimmung der Öffentlichkeit hinter sich haben und diese Zustimmung entsteht aus der Angst - nicht der Angst vor den Ordnungskräften, sondern der Angst vor den Demonstranten. […] In einer sich zuspitzenden Situation (Anm. d. Übers.: Er meint, das kann man nicht anders interpretieren, “nach Herbeiführung einer sich zuspitzenden Situation”), möglicherweise durch den Tod des ein oder anderen Agenten, würde ich die Ordnungskräfte massiv und äußerst hart eingreifen lassen”.
Der Schluss des Briefs ist dann so absurd, das kann man kaum so übersetzen, dass man der Übersetzung glauben würde. Es geht darum, der Öffentlichkeit auch das richtige Bild von den Ereignissen zu verkaufen. Wird hundert pro klappen. Das ist hier nicht schwer. Wer italienisch kann, liest den Scheißdreck am besten selbst auf adnkronos.com.
Die Ratschläge von Francesco Maurizio Cossiga, ehemaliger italienischer Ministerpräsident und Präsident der Republik, der vor ein paar Tagen dieses Interview gegeben hat, hat man umgehend befolgt:

Foto: Flavia Fasano - www.flaviafasano.com
Gestern mischte sich unter die auf der Piazza Navona vor dem Senatsgebäude gegen die Verabschiedung einer absurden Schulreform demonstrierenden Jugendlichen eine mit Helmen und Knüppeln ausgerüstete Horde von Nazischlägern, die gnadenlos auf teilweise 14-15-Jährige einprügelten. Hatte was von einer Auftragsarbeit. Die Polizei griff eine Stunde lang nicht ein, entschied sich erst, als die telefonisch zu Hilfe gerufenen Antifaschisten aus den Centri Sociali auftauchten, ein bisschen mitzuknüppeln.
Foto-Klickstrecken bei La Stampa und Corriere della Sera
Francesco Maurizio Cossiga, 1979–1980 Ministerpräsident von Italien, wurde 1983 zum Präsidenten des Senats gewählt, 1985 zum Präsidenten der Republik. Seine Amtszeit als Präsident der Italienischen Republik dauerte sieben Jahre. Hier die auszugsweise, wörtliche Übersetzung eines Interviews, das Cossiga am 23.10.08 dem Quotidiano Nazionale gegeben hat.
Presidente Cossiga, sind Sie der Ansicht, dass Berlusconi mit seiner Drohung, die Polizei gegen die Studenten einzusetzen, übertrieben hat?
«Kommt drauf an. Wäre er der Präsident eines starken Staates, würde ich sagen, er habe genau das Richtige gemacht, aber Italien ist ein schwacher Staat […] und ich fürchte den Worten werden keine Taten folgen […]».
Welche Taten sollten denn Ihrer Ansicht nach folgen?
«[…] Sie [die Demonstranten] erstmal machen lassen. Die Polizei von den Straßen und Universitäten abziehen, Agenti Provocatori einschleusen, die zu allem bereit sind und es dann für zehn Tage zulassen, dass die Demonstranten Geschäfte überfallen, Autos in Brand setzen und die Stadt verwüsten.»
Und danach?
«Danach, mit der Zustimmung der Bevölkerung im Rücken, müssen die Sirenen der Krankenwagen präsenter sein, als die der Polizei und der Carabinieri».
Will heißen?
«Will heißen, dass die Polizei die Demonstranten ohne Gnade massakrieren und allesamt ins Krankenhaus schicken muss. Nicht verhaften, die Richter würden sie sowieso wieder frei lassen, sondern bis aufs Blut prügeln und auch die beteiligten Lehrkräfte prügeln bis aufs Blut».
Auch die Lehrkräfte?
«Vor allem die Lehrkräfte. Nicht die alten natürlich, aber die jungen Lehrerinnen[!]. Sind Sie sich der Tragweite der Ereignisse bewusst? Es gibt Lehrerinnen, die ihre Kinder benutzen, sie mit auf die Straße nehmen: Das ist kriminell!».
Und sind Sie sich darüber im Klaren, was man in Europa zu einer derartigen Maßnahme sagen würde? Man würde sagen: «In Italien kehrt der Faschismus zurück».
«Unsinn! Das ist ein Rezept der Demokratie: Die Flammen löschen, bevor sie zum Brand werden».
Was für ein Brand?
«Ich übertreibe nicht. Ich bin überzeugt davon, dass der Terrorismus zurückkehrt und mit ihm das Blut in die Straßen dieses Landes. Es soll auch nicht vergessen werden, dass die Roten Brigaden nicht in den Fabriken, sondern in den Universitäten entstanden sind und dass die Slogans, die sie benutzten, aus der Studentenbewegung und von den linken Gewerkschaften kamen».
Ist es also möglich, dass die Geschichte sich wiederholt?
«Das ist nicht nur möglich, das ist wahrscheinlich. Und aus genau dem Grund sage ich: Die Roten Briganden sind entstanden, weil das Feuer eben nicht rechtzeitig gelöscht wurde».
In allen demokratischen Ländern, in denen das friedliche Demonstrieren Teil des politischen Lebens ist, sieht man, wenn es um die Familie betreffende Themen geht, traditionell auch Kinder durch die Straßen spazieren. Natürlichste Sache der Welt normalerweise. Nicht im Italien dieser Jahre Monate. Die italienische Rechte haut gerade wieder mal eine sofort in allen Medien beifällig breitgetretene Polemik raus, die an Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist und im Vorwurf an die Eltern gipfelt, ihre “Kinder zu missbrauchen, um gegen die Regierung zu hetzen”.
Anlass war eine Demonstration in Rom gegen eine Schulreform, bei der von einer Reform überhaupt keine Rede sein kann, da es lediglich um die radikale Kürzung der für europäische Verhältnisse sowieso schon extrem geringen Mittel geht. Ist übrigens schon so gut wie durch, die Reform, wie immer im Schnellgang per Vertrauensfrage (Silvio Berlusconi stellt eine Vertrauensfrage nach der anderen, um Abänderungsanträge der Opposition zu umgehen - siehe Handelsblatt vom 21.07.2008 - diese ist die vierte innerhalb von fünf Monaten - und Giorgio Napolitano hat seinen Füllfederhalter schon wieder gezückt).
An der Demonstration teilgenommen haben 300.000 Menschen (auf die Zahl hat man sich schließlich geeinigt). Auch mein Sohn ist auf der Titelseite der Repubblica gelandet:

Und natürlich werden wir unsere Kinder zu Euren Feinden erziehen.
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